Ermittlung des Pflegebedarfs

Die wesentlichen Regeln dazu sind in den Begutachtungsrichtlinien (BRi) festgehalten. Sie umfassen etwa 200 Seiten Text und bilden die Grundlage für alle Entscheidungen zum Umfang des Pflegebedarfs, auch für die Richterlichen. Wenn die Voraussetzungen erfüllt sind, können Leistungen aus der Pflegeversicherung für drei Pflegestufen gezahlt werden.
Eines der wichtigsten Kriterien ist der zeitliche Aufwand, der einer Laienpflegekraft bei die Durchführung von Pflegeverrichtungen durchschnittlich entsteht. Es wurden Zeitkorridore für die häufigsten Verrichtungen ermittelt und in die Begutachtungsrichtlinien (BRi) aufgenommen. Diese sollen gleiche Maßstäbe für alle gewährleisten.

Einige Beispiele, wie die GutachterInnen des MDK (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung) rechnen müssen:

  • Tägliches Flechten eines Zopfes wird anerkannt, wenn es zu den "tatsächlichen individuellen Lebensgewohnheiten"
    (BRi, S. 46) gehört.
    Der zeitliche Aufwand dafür muss individuell ermittelt werden.
  • Für das Zähneputzen werden 5 Min. anerkannt.
  • Die Begleitung bei Spaziergängen wird nicht anerkannt.
  • Zum Bereich "Mobilität im Sinne des Gesetzes" (§14 SGB XI) gehören alle Wege, die zur Körperpflege oder zur Ernährung nötig sind. Und das spielt sich in der Regel in der Wohnung ab. Ein Sonderfall sind unvermeidliche und regelmäßige Arzt- oder Therapiebesuche, die persönlich erledigt werden müssen, zum Beispiel zur Dialyse. Ist eine Begleitung für Hin- und Rückweg erforderlich, wird diese Zeit voll angerechnet. In der Regel können die Pflegebedürftigen in der Arztpraxis allein zurecht kommen, so dass die Wartezeit dort nur in Ausnahmefällen
    anerkannt werden kann.
  • Müssen Medikamente bestellt, sortiert oder verabreicht werden, kann das für die Einstufung in der Regel genauso wenig berücksichtigt werden, wie krankengymnastische Übungen. Die regelmäßige und auf Dauer nötige Begleitung in eine Arzt- oder Physiotherapiepraxis wird angerechnet.
  • Wird das Waschen des Unterkörpers vollständig von einer Pflegeperson übernommen, stehen 12 bis 15 Min.
    im Zeitkorridor.
  • Die Beaufsichtigung von verwirrten Menschen, die oft rund um die Uhr nötig ist, wird nur sehr eingeschränkt anerkannt.
  • Die Begleitung einer schwer gehbehinderten Person, die beispielsweise vom Wohnzimmer
    in die Küche zum Essen geht und dafür sieben Minuten braucht,
    kann anerkannt werden.
  • Abends müssen sich die meisten Menschen ausziehen, "frisch machen" und die Nachtwäsche anziehen. Für das "Ankleiden (gesamt)" gilt ein Orientierungswert von 8 bis 10 Minuten. Toilettengang, Intim- und Zahnpflege, Kämmen und die Transfers werden extra berechnet. Seit September 2006 wird das An- und das Entkleiden in dem einen Orientierungswert zusammengefasst.
  • Ist eine pflegebedürftige Person nicht in der Lage, selbstständig an regelmäßiges Essen zu denken und sich sinnvoll ein ein einfaches Frühstück zusammen zu stellen, so ist die Hilfeleistung im Bereich der hauswirtschaftlichen Hilfen (nicht bei der Grundpflege) anzuerkennen. Muss das Essen zerkleinert werden, so werden 2 bis 3 Min. angerechnet. Wird Bissen für Bissen angereicht, kommen für eine Hauptmahlzeit 15 bis 20 Min. dazu. Beides fällt in den Bereich "Ernährung".

Den individuell nötigen Zeitaufwand zu ermitteln, ist eine der Hauptaufgaben des MDK (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung) im Rahmen der Begutachtungen. Dabei können nur bestimmte Pflegeverrichtungen anerkannt werden und es muss sich auf die in den BRi festgelegten Zeitkorridore bezogen werden.
Die Finanzierung professioneller Pflege ist teurer als privat organisierte Hilfe. Deshalb zahlt die Pflegekasse für die "Sachleistung", die von anerkannten Einrichtungen erbracht wird, höhere Beträge als für das Pflegegeld.

Wer Pflegegeld in Anspruch nimmt, wird verpflichtet, sich halbjährlich von einem Pflegedienst beraten zu lassen. Hierbei soll die Beratung im Vordergrund stehen. Die erfahrenen Fachpflegekräfte überprüfen, ob die Pflege gesichert ist und geben Informationen, welche den Alltag erleichtern können. Leider hat es in der Vergangenheit immer wieder Pflegebedürftige gegeben, die von Ihren Angehörigen nur des Geldes wegen "versorgt" wurden und darunter sehr zu leiden hatten. Mit diesen Pflegevisiten, wird es leichter die Betroffenen zu schützen.

Seit 2008 kann für Personen mit erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz auch dann ein "zusätzlicher Betreuungsbetrag" gezahlt werden, wenn sie nicht die Voraussetzungen für die Pflegestufe I erfüllen.